Bauarbeiten statt Sommerbräune Nepal: Freiwilligenarbeit über den Wolken

Bauarbeiten statt Sommerbräune Nepal: Freiwilligenarbeit über den Wolken

13/01/2017 0 Von Juli

Nepal: Campen über den Wolken

Auch wenn ich für diese Reise eigentlich nicht viel geplant hatte, eines war klar: ich wollte definitiv der Kälte entkommen. Irgendwo in einer Strandbar arbeiten, ganz viel Eis essen, surfen lernen, im Meer schwimmen. Dass ich mir in Nepal eine Daunenjacke und Thermo-Unterwäsche kaufen würde, hätte ich mir nie erträumt. Es kommt noch besser: Ich schlafe in einem Zelt, benutze ein Plumsklo, dusche mit eiskaltem Wasser und arbeite ohne Bezahlung auf einer Baustelle. Wie zum Teufel konnte das passieren? Durch einen Facebook-Post habe ich von All Hands erfahren, einer Non-Profit-Organisation, die weltweit Hilfe in Katastrophengebieten leistet. In Nepal baut All Hands Schulen in vom Erdbeben 2015 betroffenen Gegenden. Klamotten- und ausrüstungstechnisch bin ich eigentlich absolut nicht auf Nepal vorbereitet, doch der Gedanke lässt mich nicht mehr los. Ich will es unbedingt und blende alle „abers“ aus.

4 Wochen später bin ich in Kathmandu. Ich kaufe mir Arbeits-/Wanderschuhe, Arbeitshandschuhe, einen Schlafsack, ein paar warme Sachen und eine Trinkflasche und schon kann’s losgehen. Ich weiß absolut nicht was auf mich zukommt, aber ich kann’s kaum erwarten.

Die All Hands Base befindet sich etwa 143 km nordwestlich von Kathmandu im Bezirk Nuwakot. Sie ist relativ gut per 4-stündiger Busfahrt und 40 Minuten Fußweg zu erreichen. Neben der Basis, die sich in einem alten Guesthouse befindet, gibt es noch 3 weitere Baustellen bzw. Mobile Sites. Die Bedingungen dort sind um einiges einfacher als in der Base und Campen kam für mich eigentlich nicht in Frage, doch viel hat es nicht gebraucht um mich zu überzeugen. Tatsächlich war es nur ein einziges Foto, das ein kleines Plateau mit Zelten über den Wolken und den Bergen im Hintergrund zeigt: Kalyani Devi! Sold!

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Fünf Tage nach meiner Ankunft in der Main Base stehe ich vor der kleinen Zeltstadt mitten in den Bergen. Die Aussicht ist atemberaubend und ich fühle mich so frei. Ich kann es irgendwie noch nicht glauben, dass ich tatsächlich in Nepal bin. Das sieht so unreal aus! An klaren Tagen, wie diesen, kann man sogar Tibet sehen. Ich weiß schon jetzt, dass die nächsten 5 Wochen unbeschreiblich werden. Und tatsächlich wird es eine der besten Erfahrungen meines Lebens.

Das Leben hier oben ist simpel, abenteuerlich und gleichzeitig so zufriedenstellend. Ich muss so oft an das Lied „Über den Wolken“ denken. Reinhard Mey hat Recht. Ich fühle mich grenzenlos frei und sorglos. Es geht hier in erster Linie darum meine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Das heißt drei Mahlzeiten pro Tag, Wasser, ein Plumsklo und eine kalte, selbstgebaute Dusche, ein „Dach“ über den Kopf und warm bleiben. 6 Tage die Woche arbeiten wir täglich 6,5 Stunden und abends sitzen wir am Lagerfeuer, trinken Bier (ja es gibt ein paar kleine Läden, die Snacks, Bier und Zigaretten verkaufen) oder den lokal gebrannten Schnaps Raksi (schmeckt zwar widerlich, aber 4,30€ für 5 Liter ist einfach ein überzeugendes Argument), spielen Karten oder Tischtennis, wir lesen in unseren Zelten oder beobachten die vielen Sterne und Sternschnuppen. Wäsche waschen wir in Eimern. Mehr ist es nicht. Mehr gibt es nicht. Reduziert auf das Wesentliche gibt es nicht viel, um das man sich Sorgen machen muss. Und dann die spürbare Präsenz der Berge und diese Mörder-Aussicht, die sich je nach Wetterlage extrem verändern kann. Unbezahlbar! Ich kriege einfach nicht genug davon und mache immer wieder Fotos. Es ist immer das gleiche Motiv, sieht aber jedes Mal anders aus. Ich denke kaum an etwas anderes als das hier. Die Zeit scheint still zu stehen in unserer kleinen, friedlichen Blase.

Unser Camp besteht aus 15-19 Helfern aus der ganzen Welt im Alter von 20-51 Jahren. Es fühlt sich schnell an wie eine kleine Familie. Wer einmal hier oben ankommt möchte nicht mehr weg, deshalb gibt es keinen großen Wechsel. Wir verbringen viel Zeit miteinander und das über mehrere Wochen bzw. Monate. Jeder leistet seinen Beitrag zum „Familienleben“ und wir haben eine gemeinsame Mission, die uns verbindet.

Ein Arbeitstag in Kalyani Devi

Mein Wecker klingelt 6 Uhr morgens. In meinem Schlafsack ist es trotz 5 Grad Außentemperatur meist schön warm und kuschelig. Ich will nicht raus in die Kälte, doch meine Mission, der Hunger und die Neugierde, wie unsere Berge wohl heute aussehen mögen, treibt mich aus meinem Zelt. Zum Frühstück gibt es Haferflocken, Bananen, Eier, Peanut Butter, Kaffee und Tee. Bis 7 Uhr sitzen wir im Camp und genießen den Sonnenaufgang. Es ist kalt, aber die Aussicht entschädigt einfach alles.

Ab 7 Uhr geht’s auf die Baustelle. Die Schule hat das Erdbeben zwar überlebt, doch die Fassade, Wände, Böden etc. wurden beschädigt. Unser Job ist es die Risse und Beschädigungen zu reparieren und das Gebäude erdbebensicher zu machen, sowie eine neue Treppe und Sanitäranlagen zu bauen. Größtenteils heißt das für mich Hühnerstalldraht (ich bin mir nicht sicher, ob das die richtige Übersetzung ist) in Wände und Fassaden hämmern und malern. Aber auch in den Bau der Treppe bin ich involviert. Hierfür bauen wir ein Fundament aus Spanplatten und Betonstahl, betonieren und entfernen anschließend die Spanplatten. Zwei ganze Tage bin ich damit beschäftigt 120 Betonstahl-Stücke in eine bestimmte Form zu biegen, damit wir sie später zur Stabilisierung der Stufen verwenden können. Den Beton mischen wir per Hand, denn den Luxus einer Mischmaschine haben wir nicht.

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Zu sehen, wie eine Treppe aus dem Nichts entsteht und selbst daran beteiligt zu sein, ist ein unglaubliches Gefühl. Vor allem wenn man wie ich an einer Hand abzählen kann, wie oft man bisher in seinem Leben einen Hammer in der Hand gehalten hat. Mit zwei Schreinern in der Familie, bin ich diesbezüglich ziemlich verwöhnt. So habe ich leider 29 Jahre gebraucht, um herauszufinden, wie viel Spaß mir die Arbeit auf dem Bau macht.

Während wir an der Schule arbeiten, findet weiterhin Unterricht statt. Oftmals steht eine ganze Traube Lehrer und Schüler um uns herum und beobachtet uns. Viele Klassen sitzen auf Decken im Pausenhof, Kinder rennen herum und schreien. Und zwar den ganzen Tag. So etwas wie feste Stundenpläne und Pausen scheint es hier nicht zu geben, oder zumindest ist es mir in fünf Wochen nicht gelungen eine Regelmäßigkeit festzustellen.

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Dorfgemeinschaft

Der Kontakt zu den Kindern und Dorfbewohnern ist wohl eine der schönsten Bestandteile dieses Projekts. In unmittelbarer Nähe der Schule leben zwar nur eine Hand voll Familien, doch insgesamt besuchen 500 Kinder der umliegenden Häuser und Dörfer Kalyani Devi. Viele Kinder und Lehrer haben einen weiten Schul- bzw. Arbeitsweg und laufen mehrere Stunden täglich. Man kennt uns hier und ist sehr dankbar für das was wir leisten. Eine der Familien verpflegt uns mittags und eine andere kocht Abendessen für uns. Ob Dal Bhat (Linsen, Reis und Gemüse), gebratener Reis oder Nudeln, Momos (Dumplings), Burger, Roti oder Milchreis, alles ist immer super lecker und frisch. Sobald der Teller leer ist, gibt es Nachschlag. So viel man will.

Einige Familien hier im Dorf leben unter für uns unvorstellbaren Bedingungen. Ganz simple Häuser aus Wellblech oder Lehm, selten aus Beton. Eine kleine Küche, Betten, Tische und Stühle. Kein fließend Wasser, Gasflaschen, Elektrizität ist begrenzt. Frauen egal welchen Alters tragen täglich riesige Reissäcke oder Körbe auf ihrem Rücken den Berg hoch und runter. Und sie alle haben eins gemeinsam: Sie wirken glücklich und zufrieden und so herzlich. Ihr Lächeln ist echt und ehrlich. Ich beneide sie schon fast. Es ist so faszinierend zu sehen, wie die Kinder stundenlang mit Steinen und Stöcken spielen.

Das Übermaß an materiellen Dingen in der westlichen Welt lässt uns leicht vergessen, worauf es im Leben ankommt. Meine Zeit hier hat mich wieder einmal mehr gelehrt dankbar für alles in meinem Leben zu sein.


Quicktipps

  • Keine Zeit, aber vielleicht den ein oder anderen € abzugeben? Hier geht’s zu meiner Spendenseite: https://www.leetchi.com/c/organisationen-von-all-hands-volunteers
  • Kein Geld, aber Zeit? All Hands Website: www.hands.org
  • Visum für Nepal gibt es am Flughafen: 25 US$ für 15 Tage, 40 US$ für 30 Tage und 100 US$ für 90 Tage (Verlängerung bis 150 Tage pro Jahr möglich, Foto und Bargeld nicht vergessen!)
  • Alles was man in Nepal oder für All Hands braucht, kann man günstig in Kathmandu kaufen oder leihen