Die längsten 10 Tage meines Lebens Vipassana Meditation und der Beginn meiner spirituellen Reise

Die längsten 10 Tage meines Lebens Vipassana Meditation und der Beginn meiner spirituellen Reise

15/03/2017 0 Von Juli

Nicht sprechen, kein Handy, kein Buch, kein Stift… keine Form jeglicher Kommunikation, absolut keine Ablenkung. Nur ich und meine Gedanken bzw. mein Geist. Klingt aufregend und ein wenig beängstigend zugleich, doch was sind schon 10 Tage? Das vergeht doch wie im Flug. Falsch gedacht! Ich hätte niemals erwartet, dass es so hart werden wird.

Seit ich das Buch „Eat, Pray, Love“, gelesen habe, das übrigens um einiges besser ist als der Film, fasziniert mich Meditation. Jedoch habe ich es trotz Büchern, Meditationsgruppe und wunderschönem Meditationskissen nie geschafft meinen Weg zur Mediation zu finden. Bis ich auf einer meiner Reisen von den 10-tägigen Vipassana-Kursen gehört habe. Vipassana bedeutet die Realität zu erkennen und zu akzeptieren und die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Es ist eine der ältesten Meditationstechniken der Welt und universell gültig, das heißt jeder kann an den Kursen teilnehmen und diese Form der Meditation in sein Leben integrieren, unabhängig von Herkunft, Religion oder Weltanschauung. Die Kurse sind außerdem kostenlos (Spenden erwünscht nach erfolgreichem Abschluss der 10 Tage) und die Meditationszentren gibt es weltweit.

Ich erhoffte mir von der Mediation eine stärkere Verbindung zu meinem Innenleben, mehr Verständnis für mich und Klarheit darüber wer ich bin und wo ich hin will. Ich wollte herausfinden, warum ich nicht glücklich war und was mir fehlte. Ich wollte ausgeglichener, geduldiger und verständnisvoller werden und war neugierig und etwas ängstlich was so zum Vorschein kommt, wenn ich so viel Zeit mit mir selbst verbringe. Außerdem freue ich mich über ein bisschen Ruhe. Reisen kann doch ziemlich anstrengend sein und einfach mal 10 Tage lang nichts tun und das bisher Erlebte etwas sacken lassen klingt verlockend. Ich bin gespannt und freue mich richtig darauf.

Diese Freude wird schnell von Zweifeln und Aggressionen abgelöst. Ich habe bereits am Abend des ersten Tages genug. Dieser Tag hat sich wie eine Ewigkeit angefühlt, denn ganze 12 Stunden davon habe ich im Schneidersitz auf einem Kissen in der Meditationshalle gesessen, zusammen mit ca. 90 anderen Teilnehmern, aufgeteilt in Männer links und Frauen rechts. Meine Beine und mein Rücken tun weh, meine Füße sind taub und meditieren kann man das was ich da vollbracht habe bisher nicht nennen, denn zu viele Gedanken schwirren in meinem Kopf herum und halten mich davon ab mich auf meinen Atem zu konzentrieren. Außerdem habe ich Hunger, denn statt Abendessen gibt es nur Tee, eine Mini-Banane, einen halben Apfel und eine winzige Schüssel gepufften Reis mit zwei Erdnüssen darin. Insgesamt also mehr als frustrierend und absolut nicht das was ich mir vorgestellt hatte. Ich leide und fühle mich wie im Gefängnis, ich bin sauer und versuche mich daran zu erinnern, warum ich mir das antue. Es gelingt mir nicht, doch Aufgeben ist keine Option. Ich würde Meditation für den Rest meines Lebens hassen und mich immer fragen, was wäre gewesen wenn?

Gedanken wie „Was mache ich hier eigentlich?“, „Meditation ist nichts für mich“, „Mir geht’s doch gut, ich brauche das nicht, das ist das Leiden nicht wert“, „Mir ist langweilig, ich verschwende meine Zeit“, „In der Zeit, wo ich hier sitze könnte ich so viele produktive Dinge tun.“ und so weiter quälen mich und dagegen anzukämpfen ist harte Arbeit und erfordert Durchhaltevermögen, mit dem ich leider nicht sehr großzügig ausgestattet bin. Das Sitzen macht mich verrückt, ich bin unruhig, ich will mich bewegen, ich vermisse Lachen und Musik und ich habe Heimweh. Manchmal bekomme ich regelrecht Panickattacken, ich hyperventiliere und muss raus. Inzwischen ist die Meditation für mich zweitrangig geworden, mir geht es nur noch darum die zehn Tage zu überleben.

Ich schaffe es einfach nicht zu meditieren. Zu viel Ablenkung in meinem Kopf. Interessanterweise kommen Erinnerungen an Erlebnisse und Situationen ans Tageslicht, die lange vergangen oder gar verdängt waren. Ich denke plötzlich an Dinge, Gespräche, Menschen oder Ereignisse aus meiner Kindheit, über die ich entweder Jahre lang nicht oder tatsächlich eigentlich nie wissentlich nachgedacht habe. Ich kam zu einigen erstaunlichen Erkenntnissen über mich, mein Verhalten und warum bestimmte Dinge sich in meinem Leben in eine gewisse Richtung entwickelt haben. Manchmal wird es mir zu viel und ich kann mir die Tränen nicht verkneifen. Ich verlasse oft den Meditationssaal. Für den Fall, dass man jemandem zum Reden braucht, stehen jederzeit Lehrer zur Verfügung. Dieses Angebot habe ich einige Male wahrgenommen, wenn ich kurz davor war abzubrechen.

Vier Tage lang leide ich, bis ich an Tag fünf beginne ruhiger zu werden. Langsam schaffe ich es die Gedanken auszublenden und ich fange an, die Meditation zu verstehen. Die Aggressionen weichen einer angenehmen Ruhe und ich weiß plötzlich wieder warum ich hier bin. Mein Geist ist vollkommen klar und ich spüre diese Wärme in mir. Das ist ein verrücktes, unbeschreibliches Gefühl. Ich bin einfach glücklich hier zu sein und freue mich all diese Menschen, mit denen ich so viel Zeit verbringe, von denen ich jedoch nichts weiß, endlich kennen zu lernen. Jede Meditationsphase erscheint mir von nun an als Chance, tiefer in die Meditation zu driften und ich spüre, wie mir die Meditation Kraft und Energie gibt. Anscheinend war der Kampf in den ersten Tagen notwendig um meinen Geist zu reinigen und für die Meditation vorzubereiten.

Wenn bloß diese Schmerzen im Rücken nicht wären. Laut den Lehrern sind sie vergänglich und keinen Gedanken wert, denn sie vergehen und wenn wir uns beschweren und wünschen, sie loszuwerden, multiplizieren wir sie nur in unserem Kopf und machen sie schlimmer als sie sind. Die Idee ist, teilnahmslos beobachten und akzeptieren. Gar nicht so einfach. Ich beginne mit dem Schmerz zu reden, Ich heiße ihn willkommen und sage ihm, er soll sich wie zu Hause fühlen und so lange bleiben wie er will. Ich komm mir etwas doof dabei vor, doch es funktioniert. An Tag sieben spüre ich ihn nicht mehr. Er ist da, doch ich habe ihm seine Macht entzogen. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.

Die letzten Tage sind unglaublich schön und befreiend. Ich genieße die Meditation und schaffe es endlich mich in den angestrebten Zustand der vollkommenen Präsenz im gegenwärtigen Augenblick zu versetzen, gewahr meiner geistigen, emotionalen und körperlichen Phänomene und frei von Gedanken.

Nach zehn Tagen, fühle ich mich wie neu geboren. Ich sehe alles sehr viel klarer und ich bin wahnsinnig stolz auf mich, es geschafft zu haben. Ich fühle mich verbunden mit mir selbst und den anderen Teilnehmerinnen. Ich habe mehr Verständnis und Geduld für andere Menschen und es fällt mir leichter mich in sie hineinzuversetzen. Ich spüre, dass dies der Beginn meiner spirituellen Reise und einer wunderbaren Veränderung ist.

 


Neugierig? Mehr Infos zur Vipassana Meditation: www.dhamma.org