Essen ist so viel mehr als nur lecker Ungeahnte Auswirkungen unserer Ernährung

Essen ist so viel mehr als nur lecker Ungeahnte Auswirkungen unserer Ernährung

25/02/2019 0 Von Juli

Als ich vor ein paar Monaten nichtsahnend durch die Fußgängerzone in Melbourne geschlendert bin, wurde ich plötzlich mit einer unangenehmen Wahrheit konfrontiert. Eine Aktivistengruppe für Tierschutz zeigte verstörende Videoaufnahmen aus Schlachthäusern und Farmen. Mein erster Gedanke war, dass es eine Schande ist, wie wir Tiere behandeln (der typische Alibi-Gut-Mensch-Gedanke). Und beinahe hätte ich den Gedanken verdrängt, wäre daran vorbei gelaufen und hätte mein Leben weiter gelebt, als wäre nie etwas gewesen. Etwas in mir hat sich immer dagegen gewehrt diese Aufnahmen anzusehen. Doch ein kurzer Blick auf die Bildschirme und was ich sah, lies mich erstarren. Babyküken wurden im Sekundentakt in Männchen und Weibchen sortiert und die armen Männchen, die für die Legehennen-Haltung unbrauchbar sind, in eine Art Mixer geworfen und bei lebendigem Leib zerhaxelt, um nur eine der Szenen zu nennen. Ich war zu tiefst berührt von dem Leid, das wir Menschen diesen unschuldigen Tieren tagtäglich zuführen. Zum ersten Mal hatte ich mir diese Videos wirklich angesehen und ich schämte mich Teil der einzigen Rasse zu sein, die andere Lebewesen ausnutzt, foltert und tötet ohne jegliche Rücksicht auf deren Bedürfnisse. Schlimmer noch, wir verwenden Methoden, die ihr Leiden verstärken, um unsere Kosten zu senken und unseren Profit zu maximieren. Ohne es in 30 Jahren auch nur einmal in Erwägung gezogen zu haben, wollte ich von diesem Moment an diese abscheulichen Methoden nicht mehr unterstützen. Ich war felsenfest davon überzeugt, ich würde mich ab sofort vegan ernähren. Leider war es nicht ganz so einfach.

Einen Monat lang hatte ich durchgehalten und nach einer ersten recht guten Woche, begann es verdammt schwierig zu werden. Der abrupte Wechsel tat meinem Verdauungstrakt und meiner Psyche nicht besonders gut. Jeden Tag fiel mir etwas neues ein, das ich nie wieder essen darf, ich hatte Gelüste und sah Bacon, wenn ich meine Augen schloss. Ich wusste, dass ich es nicht schaffen würde. Mir wurde klar, dass die Veränderung meiner Essgewohnheiten harte Arbeit ist und Opfer und Disziplin erfordert, mir wurde aber auch bewusst, wie umfassend und wie wichtig dieses Thema ist. Ich war frustriert, denn ich wusste ich würde scheitern. Ich fühlte mich schwach und egoistisch. Was für ein schlechter Mensch musste ich sein, wenn ich es nicht einmal schaffte auf meinen Burger zu verzichten, um ein Leben zu retten? Nun musste ich wohl mit der Schmach und dem schlechten Gewissen leben. Auf Fleisch konnte und wollte ich noch nicht verzichten. Ich hatte Gedanken, wie „Haben mich diese Aktivisten eigentlich jemals gefragt, ob ich diese Videos sehen will?“ Unglaublich wie wir Menschen immer einen Schuldigen suchen, um uns selbst besser zu fühlen. Doch diese Frage wurde schnell von Fragen wie den Folgenden verdrängt: „Haben wir jemals die Schweine, gefragt, ob es ok ist, wenn sie niemals das Tageslicht sehen und sie ihr Leben in winzigen Boxen verbringen, wo sie sich nicht einmal umdrehen können oder sie keine andere Möglichkeit haben als in ihren eigenen Exkrementen oder auf anderen (manchmal toten) Leidensgenossen zu schlafen oder ob sie gerne eine Narkose hätten, wenn wir ihre Schwänze und Ohren abschneiden, um Kannibalismus zu unterbinden?“

In mir hatte ein Denkprozess gestartet und ich begann mich zu informieren, denn meiner Meinung nach war es das Mindeste zu wissen, wo mein Steak herkommt, wenn ich schon nicht darauf verzichten konnte. Zumindest wollte ich nicht mehr die Augen verschließen und das Tier wertschätzen, dass dafür gelitten hatte. In den nächsten Monaten durchlebte ich eine unglaubliche Wandlung. Je mehr ich las, sah und hörte, desto mehr verstand ich, dass Essen nicht nur Nahrung ist. Es ist mehr als nur Hunger stillen, Energie tanken und Genuss. Auch ging es um mehr als Moral und das Leiden anderer Lebewesen. Mir wurde klar, dass dieses Thema größer ist, als ich es je für möglich gehalten hatte. Mit jedem Produkt, dass wir im Supermarkt kaufen haben wir direkten Einfluss auf Umwelt, Gesundheit, Politik, Wirtschaft und die Zukunft nächster Generationen und unseres Planeten. Ich realisierte wie viel Macht wir besitzen, von der wir nichts wissen und sie demzufolge auch nicht nutzen. Wie kommt es, dass ich als meiner Meinung nach aufgeklärter, einigermaßen gebildeter und interessierter Mensch nichts darüber weiß, wie massiv die kommerzielle Tierhaltung der Umwelt schadet? Tatsächlich ist sie übrigens der Hauptfaktor für die Erderwärmung, die Abrodung des Regenwaldes und die Zerstörung unserer Ozeane und der Artenvielfalt.

Auch wenn ich anfangs scheiterte, mein Konsum tierischer Produkte reduzierte sich automatisch denn ich betrachtete mein Essen von einem anderen Blickwinkel. Meine Überzeugung festigte sich und sorgte dafür, dass ich Fleisch immer seltener genießen konnte, wodurch sich mein Verlangen automatisch reduzierte. 6 Monate später stellte ich fest, dass ich kaum noch Fleisch aß und auch andere tierische Produkte weitgehend aus meinem Speiseplan verbannt hatte. Ich spürte, dass ich so weit war Fleisch komplett aufzugeben. Es sind jetzt 9 fleischlose Monate und es gab keinen Moment der Schwäche. Denn was ich heute weiß, hat meine Perspektive und mein Leben verändert und ich kann nicht aufhören mir die Frage zu stellen, „Was wäre wenn alle Menschen wüssten, was ich weiß?“. Ich hätte es nie für möglich gehalten, doch wenn ein Fleischfan wie ich sich ändern kann, kann es jeder.

Während meiner Veränderung realisierte ich außerdem, dass Ernährung auch eine Ausdrucksform ist und wiederspiegelt, wer wir sind und wie wir uns selbst sehen. Sie ermöglicht uns unsere Werte, Überzeugungen und Moralvorstellungen zu vertreten und zu vermitteln. Ich habe viel über mich selbst gelernt, aber auch über Menschlichkeit, Mitgefühl, Liebe und Verständnis. Ich fühle mich sehr viel mehr mit mir selbst und der Umwelt verbunden, da ich nach meinen tiefsten Überzeugungen lebe und immer weniger an der Ausbeutung unschuldiger Lebewesen beteiligt bin. Es fühlt sich gut an etwas für andere zu tun und meine Entscheidungen nicht nur nach den eigenen Bedürfnissen zu fällen.

Es macht mich inzwischen stolz zu sagen, dass ich Vegetarierin bin und auf dem besten Wege bald komplett vegan zu leben. Wichtig ist mir bei diesem ganzen Prozess jedoch auch, es nicht zu erzwingen und mir nichts zu verbieten, denn so entstehen Gelüste. Ich möchte tierische Produkte aus Überzeugung meiden, mir jedoch Ausnahmen genehmigen solange ich sie offensichtlich brauche. Ich weiß, dass ich irgendwann so weit sein werde. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Ich möchte niemanden verurteilen und bestimmte Lebensweisen und Ernährungsformen aufzwingen, ich möchte lediglich aufzeigen, wie komplex das Thema Ernährung ist und dass es viele Zusammenhänge gibt, denen wir uns nicht bewusst sind. Wenn wir das verstehen und uns über die Auswirkungen unserer Ernährung im Klaren sind, können wir selbst entscheiden welche Rolle wir in dieser Gesellschaft und dieser Welt spielen möchten. Momentan treffen wir tagtäglich Entscheidungen, ohne uns über deren Konsequenzen bewusst zu sein. Es ist wie Wählen mit verbundenen Augen und den Finger per Zufall auf eine der Parteien zeigen zu lassen oder nach dem Aussehen der Parteimitglieder zu entscheiden. Die Mehrheit von uns würde sich doch im Vorfeld informieren und eine begründete Entscheidung treffen, in der Hoffnung, auf eine bessere Zukunft. Genau so ist es mit unserer Ernährung. Preis und Geschmack sollten nicht die einzigen Argumente für unsere Wahl im Supermarkt sein. Als aufgeklärte und intelligente Lebewesen sind wir es uns, den Tieren und unseren Planeten schuldig eine informierte und bewusste Entscheidung zu treffen.

Ich denke wir alle sind uns einig darüber, dass dieser Planet etwas besseres verdient hat und wenn wir ihn weiterhin so ausbeuten, wird es ihn schon sehr bald nicht mehr geben. Was wir endlich begreifen müssen, ist, dass wir unseren eigenen Lebensraum und damit uns selbst zerstören. Sonst wird es irgendwann zu spät sein.


  • Ein guter Start in die Materie ist die Dokumentation „Cowspiracy“ auf Netflix. Das Buch dazu ist um einiges detaillierter, gibt es jedoch momentan leider nur auf Englisch.
  • Der Film „Earthlings“ auf Youtube ist schockierend, aber er wird euer Leben verändern.